Versicherungen: Zahlung von Zuschlägen großes Thema

In vielen Versicherungsunternehmen ist die Zahlung von Überstundenzuschlägen für Teilzeitbeschäftigte und die damit verbundene Frage nach Gleichberechtigung weiterhin ein großes Thema.

Damit haben sich auch unsere Kollegin Katrin Langner Sachbearbeiterin in einem Versicherungsunternehmen und Martina Grundler ver.di Bundesfachgruppenleiterin Versicherungen befasst.

Katrin Langner – ver.di Mitglied:

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin in der Schadenabteilung eines großen Versicherers tätig und hatte gerade einen Schadensfall. Da wurde von einem Anwalt vorgetragen, dass seine Mandantin 20 Stunden die Woche in Teilzeit arbeiten würde, der Ehemann arbeite in Vollzeit. Trotzdem würde die Mandantin die Versorgung der gemeinsamen kleinen Tochter und des Haushaltes zu 90 % (!) übernehmen.

Leider habe ich so etwas nicht zu ersten Mal gelesen. Jeder wird diese ungerechte Verteilung der Haushaltspflichten zwischen den Geschlechtern kennen. Sehr viele Frauen (und leider sind es immer noch fast ausschließlich Frauen) verringern wegen Kind und Haushalt ihre Arbeitszeit. Damit haben sie weniger Einkommen, schlechtere Aufstiegschancen (oder kennt jemand eine/n Teilzeitvorgesetzte/n?) und einen erheblichen Verlust bei der späteren Altersrente. Sehr schade finde ich übrigens, dass in der Regel keine Lebensversicherung/Sparvertrag o.ä. zum Ausgleich des Rentenverlustes abgeschlossen wird.

Worauf ich hinaus will, ist: Wenn diese Kolleginnen in einem Versicherungsunternehmen in Teilzeit beschäftigt sind und trotz ihrer Mehrfachbelastung noch Überstunden in der Woche machen, verweigert Ihnen der Arbeitgeber oft Überstundenzuschläge! Diese werden erst ab Vollendung der 38sten Stunde geleistet. Obwohl es bereits Urteile gibt, die einen Mehrarbeitszuschlag nach Erfüllung der individuellen Arbeitszeit vorsehen, zeigen sich viele Versicherungsunternehmen gegenüber ihren Angestellten weiterhin geizig.

Die Benachteiligung von den hauptsächlich weiblichen Angestellten passt nicht in das Bild eines modernen Konzerns, der das Wort Gleichberechtigung nicht nur als Aushängeschild benutzt, sondern auch tatsächlich lebt. 

Martina Grundler – ver.di Bundesfachgruppenleiterin Versicherungen:

Viele Unternehmen in der Versicherungsbranche legen großen Wert auf Familienfreundlichkeit, trotzdem besteht aber schon lange eine eklatante Ungleichbehandlung bei der Bezahlung von Überstunden für Teilzeitkräfte, bei denen es sich ja häufig um Kolleginnen handelt, die Teilzeit arbeiten, um Beruf und Familie vereinbaren zu können.

Der Tarifvertrag des privaten Versicherungsgewerbes regelt, dass Überstundenzuschläge Teilzeitkräften nur dann zusteht, wenn die Arbeitszeit einer Vollzeitkraft überschritten wird. Faktisch bedeutet das, dass eine Teilzeitkraft kaum eine Chance hat, geleistete Mehrarbeit auch mit Zuschlägen vergütet zu bekommen.

Lange Zeit entsprach diese Praxis der Rechtsprechung. Das Bundesarbeitsgericht sah keine Ungleichbehandlung von Teilzeit- und Vollzeitarbeitskräften bei Regelungen, die Überstundenzuschläge erst bei Erreichen der Stundenzahl einer Vollzeitkraft vorsehen. Diese Rechtsauffassung hat der zuständige Senat beim BAG aber im Jahr 2018 geändert. Er urteilte in einem konkreten Fall, dass einer Teilzeitkraft ein Mehrarbeitszuschlag zusteht, wenn sie mehr als ihre arbeitsvertraglich vereinbarte Arbeitszeit arbeitet.

Die spannende Frage war und ist, ob vor dem Hintergrund dieser Rechtsprechung unser Tarifvertrag noch rechtskonform ist, oder ob wir die Regelung zu Überstundenzuschlägen der Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts anpassen müssen. Hier vertreten der Arbeitgeberverband und ver.di unterschiedliche Rechtsauffassungen. Während der Arbeitgeberverband davon ausgeht, dass das Urteil des Bundesarbeitsgerichtes nicht auf unseren Tarifvertrag zu übertragen ist, fordert ver.di eine Anpassung und die Zahlung von Überstunden für Teilzeitkräfte. Das hat ver.di bereits in der letzten Tarifrunde gefordert, der Arbeitgeberverband war aber nicht verhandlungsbereit. Wir bleiben hier am Ball und wollen unsere tarifvertragliche Regelung zu Überstundenzuschlägen ändern. 

Denn unabhängig von der unterschiedlichen rechtlichen Interpretation passt diese Ungleichbehandlung nicht in die Zeit. Wenn die Branche sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Förderung von Frauen im Berufsleben auf die Fahne schreibt, ist diese Ungleichbehandlung von geleisteter Mehrarbeit ein Anachronismus. 

Wir fordern als ver.di: Die Ungleichbehandlung von Teilzeitkräften endlich zu beenden