Gewerkschaftliche Nachwuchsarbeit muss auf Betriebsebene beginnen – meint unser Autor Sven Kaffka aus der Versicherungswirtschaft Hannover

Als ehrenamtlicher Teamer bei der DGB Jugend besuche ich (abgesehen von Pandemiezeiten natürlich) mit schöner Regelmäßigkeiten Berufsschulen und seltener auch allgemeinbildende Schulen zwischen Walsrode und Northeim. Der DGB hat verschiedene Konzepte für solche Bildungseinrichtungen in petto: Es gibt etwas zum Thema Diskriminierung im Alltag, etwas für Geschlechtergleichberechtigung und, in meinem Fall, einen ganzen Projekttag zum Thema Demokratie und Mitbestimmung in Arbeitsleben und Betrieb.

Das Konzept finde ich richtig gut und, soweit ich das beurteilen kann, kommt es auch bei den Schülerinnen und Schülern beinahe durch die Bank sehr gut an. Daher nutze ich Teile davon auch, um meinen eigenen Auszubildenden im Betrieb die Möglichkeiten und Grundlagen näherzubringen, die ihren Arbeitsalltag Tag für Tag bestimmen.

Dabei fällt mir immer wieder auf: Die Themenfelder „Gewerkschaft“ und „Betriebsrat“ kommen in der Schulbildung, egal ob Hauptschule oder Abitur, praktisch nicht mehr vor.

Am Anfang jedes Moduls, jeder Klasse, jeder Einheit frage ich immer nach: Was wisst Ihr schon über Gewerkschaften? Meistens blicke ich dann in ratlose Gesichter, manchmal ärgern sich wenigstens eine*r oder zwei über den letzten Pilot*innen- oder Bahnstreik und wissen dies mit dem abgefragten Thema in Verbindung zu bringen. Aber was so eine Gewerkschaft eigentlich genau macht und weshalb das für das eigene Arbeitsleben von Bedeutung sein könnte, das ahnen wirklich die allerwenigsten.

Das liegt natürlich nicht an den jungen Menschen, die mir in dieser Situation hilflos gegenüberstehen, sondern vielmehr am Bildungssystem. An Lehrkräften, die von der Materie möglicherweise nicht so viel Ahnung haben, weil sie selber Beamte sind und somit noch immer kein Streikrecht ausüben dürfen oder an Curriculae, die das Thema weiträumig umfahren und so Nachwuchsarbeitskräften vielleicht keine „Flausen in den Kopf setzen“ wollen – man möchte ja brave Konsumenten produzieren.

Aus diesem Grund will ich an die geschätzten Leserinnen und Leser appellieren, auch weil ich wirklich nicht alle Berufsschulen der Welt besuchen kann: Diese Lücke müssen wir füllen! Redet mit Euren Auszubildenden! Zeigt Ihnen auf, wo der Interessengegensatz zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber liegt und wie sie ganz individuell und fast unmittelbar ihre eigenen Arbeitsbedingungen nachhaltig verbessern können, indem sie sich gewerkschaftlich engagieren.

Denn so wie alle Organisationen vom Kleingartenverein bis zur katholischen Kirche haben natürlich auch Gewerkschaften ein Nachwuchsproblem. In den nächsten Jahren geht ein signifikanter Anteil unserer Mitgliederschaft in Rente und dann ist es an den jüngeren Menschen, die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte in einem noch schnelleren, noch radikaleren, noch globalisierteren Arbeitsmarkt zu verteidigen. Meiner Meinung nach ist gewerkschaftliche Organisation dafür nach wie vor unabdingbar – und diese fängt im ganz Kleinen an.

Mit uns in unseren Betrieben.

Kontakt: sven.kaffka@web.de